In einem Raum sitzen sechs Spieler. Sie wissen: Es muss gespielt werden. Was sie nicht wissen: Welches Spiel? Welche Regeln?

So ähnlich fasste einer meiner Chefs eine knifflige Lage zusammen, in der wir uns seit einigen Wochen auf Arbeit befinden. Es gilt einen Konflikt zu lösen, bei dem mehrere Parteien beteiligt sind. Es herrscht Unsi­cherheit, Unklarheit, Chaos, Schweigen, Ungewiss­heit. Ein Raum mit Ball und Spielern, nur die Regeln sind unklar. Meine Handlungsoptionen sind langsam ausgeschöpft. Ich bin scheinbar ohnmächtig. Beim letzten Männerstammtisch haben wir genau über sol­che Situationen gesprochen: Krisen – unerwartet und für uns nicht kontrollierbar.

Ich mag es überhaupt nicht, wenn ich nicht handeln kann. Sind mir die Hände gebunden, werde ich zornig, bitter, ver­schlossen, wehleidig. Erst recht, wenn unbekannt ist, wie lange die Situation noch anhält. Ich will die Kontrolle wie­der haben. Dabei merke ich gar nicht, wie ich indirekt Gottes Machtposition in Frage stelle.

Nach Wehleidigkeit kommt Selbst­mitleid. Das ist ersteinmal nicht so schlimm, höchstens nervig für andere. Aber Selbstmitleid hat zwei schwer wie­gende Folgen im Gepäck: Erstens fokus­siere ich mich fast ausschließlich auf mein Problem, auf mich selbst. Damit bin ich überhaupt nicht mehr offen für die Menschen, die Gott mir an die Seite stellt, die mich brauchen. Einer Berufung kann ich so nicht gerecht werden. Zwei­tens kommt ganz schnell der Drang zu tratschen, zu übler Nachrede, Verurtei­lungen und Sarkasmus. Spätestens hier wird klar: Beziehungen sind in Gefahr.

Bevor ich völlig in diesem Strudel gefangen bin und das Chaos perfekt ist, sollte ich die eine Gestaltungsmöglich­keit nutzen, die ich immer habe: Meine Haltung. Selbst in vermeintlich ausweg­losen Fällen auf Arbeit, in der Familie, bei der Gesundheit liegt die Entschei­dung bei mir, welche Haltung ich ein­nehme. Wie möchte ich den Beteiligten gegenübertreten? Wie möchte ich die Athmosphäre prägen?

Auch Paulus schien solche Situatio­nen zu kennen und ist sich sicher, welche Haltung die richtige ist. Er schreibt: »Als neue Menschen, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes und zur Gerech­tigkeit, Heiligkeit und Wahrheit beru­fen, sollt auch ihr ein neues Wesen annehmen.« (Eph 4, 24). Wenn wir so auftreten, dann wird dem Chaos Einhalt geboten. Dann kann selbst in unkon-trollierbaren Krisen Gottes Reich gebaut und sein Kampf gekämpft werden.

Einen Haken hat das Ganze: Ich kann mich nicht selbst ändern. Es frustriert, wenn ich ständig an meinen Fehlern hän­gen bleibe und einige Wesenszüge nicht aus eigener Kraft überwinden kann. An dieser Stelle muss ich eine zweite Sache lernen: Mein eigenes Bestreben hinten anstellen und Gott wieder auf seinen Regierungssitz lassen. Nicht ich soll die Kontrolle über mich haben, sondern Jesus allein. Deshalb möchte ich jeden Morgen beten: »Herr, gib mir ein neues Wesen und einen verändertes Den­ken!« (Eph 4, 23).

Was ist nun das Ergebnis bei einem Spiel mit Ball und unklaren Regeln? Egal. Ich muss die unbekannten Maßstäbe auch gar nicht unbedingt verstehen. Aber ich kann die Beteiligten und die Beziehungen untereinander in den Blick nehmen. Ich kann die Atmosphäre des Spiels mit meiner Einstellung prägen. Ich kann die Form des Spiels gestalten.

Carsten Bittmann